Die GRA Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus und die GMS Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz vergeben, unterstützt vom Sigi und Evi Feigel-Fonds, zum 13. Mal den mit insgesamt 50’000 Franken dotierten Fischhof-Preis an Persönlichkeiten, die sich durch ihre Haltung und Taten für die Rechte von Minderheiten, Respekt, Aufklärung und im Kampf gegen Rassismus verdient gemacht haben. Diesmal werden zwei Personen ausgezeichnet, die sich seit Jahrzehnten für Themen eingesetzt haben, welche in der heutigen Zeit aufgrund von Migrationsströmen, Ängsten in der Bevölkerung und friedensgefährdenden Aktivitäten von besonderer Bedeutung sind.
Frau Amira Hafner-Al Jabaji wurde 1971 als Tochter eines Irakers und einer Deutschen in Bern geboren. Nach dem Studium von Islamwissenschaften, neuer vorderorientalischer Philologie und Medienwissenschaften an der Universität Bern arbeitete sie als freie Journalistin. Gleichzeitig engagierte sie sich in zahlreichen Gremien zu den Themen Integration und zu Fragen des interkulturellen Zusammenlebens, so zum Beispiel in der Fachkommission Integration des Kantons Solothurn. Von 2005 bis 2013 war Frau Hafner-Al Jabaji Mitglied im Publikumsrat der SRG Deutschschweiz und seit Februar 2015 ist sie Moderatorin der Sendung «Sternstunde Religion» beim Schweizer Fernsehen. 2008 war sie Mitbegründerin des heute von ihr präsidierten «Interreligiösen Think-Tanks»; daneben ist Frau Hafner-Al Jabaji freiberuflich als Referentin und Publizistin in den Bereichen Islam, Muslime in der Schweiz und interreligiöser Dialog mit besonderer Berücksichtigung der Genderperspektive tätig. 2011 wurde sie mit dem Anna-Göldi-Preis für den Dialog zwischen den Religionen ausgezeichnet.
GRA und GMS würdigen mit der Auszeichnung Amira Hafner-Al Jabajis langjährigen Beitrag für ein friedliches Zusammenleben mit und für die Wissensvermittlung an Menschen muslimischen Glaubens in der Schweiz über die hiesigen Gepflogenheiten.
Herr Samuel Althof wurde 1955 in Basel geboren. Er ist psychologischer Berater und beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Extremismus – linker, rechter und religiöser Ausprägung. Er führt in Basel die private Fachstelle für Extremismus- und Gewaltprävention Fexx, die aus der «Aktion Kinder des Holocaust» hervorging. Herr Althof arbeitet seit vielen Jahren mit Personen aus den rechts- und linksextremen Szenen und seit jüngerer Zeit auch mit Muslimen, die extreme Tendenzen zeigen und sich zunehmend radikalisieren.
Er hilft beispielsweise jungen Rechtsradikalen, aus der Szene auszusteigen und berät Betroffene und deren Familien. Seine Tätigkeiten umfassen auch die Beobachtung sogenannter „Djihadisten“ in der Schweiz und er berät Angehörige in deren Umfeld.
GRA und GMS ehren Samuel Althof mit dem Fischhof-Preis für seinen jahrzehntelangen unermüdlichen Einsatz in einem gefährlichen Randgebiet der Gesellschaft, sowie für seinen Mut und sein Können im Spannungsfeld zwischen friedlicher Koexistenz in einer offenen Gesellschaft und gefährlichem Extremismus jeglicher Ausprägung.
Die Preisverleihung findet am 31. Oktober 2016 in Zürich statt.
Misstrauen – kein Leitfaden im Umgang mit Muslimen
Seitdem Muslime in Europa gehäuft in die Schlagzeilen geraten, wächst eine diffuse Verunsicherung. Ein reflexartiges Misstrauen gegenüber „dem Islam“ schlechthin macht sich auch in der von terroristischen Attentaten verschonten Schweiz bemerkbar. Ist der Koran eine Hetzschrift gegen Ungläubige? Stellen Zuwanderer und Flüchtlinge die europäische Errungenschaft eines Frauenbildes, das die Gleichberechtigung der Geschlechter und die Respektierung weiblicher Autonomie hochhält, in Frage?
Mediale Aufregung kennt keine Landesgrenzen. Dabei führen die gegen 450 000 Muslime, die in der Schweiz zuhause sind, ein weitgehend unauffälliges Leben. Und sie stammen, wenn sie nicht hier geboren sind und der zweiten oder dritten Generation angehören, zum überwiegenden Teil aus Regionen – insbesondere des Balkan oder auch der Türkei –, denen jegliche Fundamentalismen fern sind oder zumindest zum Zeitpunkt ihrer Auswanderung als Gastarbeiter fern waren. Wer wiederum als Kriegs- oder Bürgerkriegsflüchtling kam, ist meist eben jenen Gruppen und Ideologien entkommen, deren Exponenten westliche Werte im Visier haben.
Doch angesichts der Attentate von Paris und Brüssel, angesichts der kriegerischen Ausbreitung des „Islamischen Staates“, der nichts mit einem Staat gemein hat, aber mit seiner brutalen Militanz junge Menschen dazu verführt, der Demokratie den Rücken zu kehren, wächst die Angst. Und es wächst ein Generalverdacht, der sich auch gegen Muslime in unserem Land richtet. Eine Abwehr- und Hassrhetorik – „Der Islam gehört nicht zu uns“ – greift als globales Lauffeuer um sich. Wer Widerrede leistet, gerät nicht selten ebenfalls in ihr Visier oder wird zumindest als naiv abgestempelt.
Die verbale Aufheizung eines Kulturkonfliktes hat zahlreiche Mitspieler. Wenn der Leader der Eagles of Death Metal Monate nach dem tödlichen Anschlag auf den Pariser Club Bataclan – wo seine Gruppe damals gerade auftrat – behauptet, das arabische Wachpersonal des Lokals habe den Überfall begünstigt und eine grosse muslimische Verschwörung unterstellt, beflügelt er die Paranoia des Verdachts.
Der IS, der letztlich die gesamte muslimische Welt unter die Herrschaft des Kalifates zwingen will, ist nicht nur ein rückwärtsgewandtes Projekt, sondern bedient sich auch der Logik der Globalisierung. Über die neuen Medien werden weltweit demokratische Werte diskreditiert, radikale Ideen verbreitet und Kämpfer rekrutiert, die sich in deren Dienst stellen. Wie verwundbar auch europäi-sche Staaten sind, zeigt die Tatsache, dass in ihnen beheimatete junge Menschen sich mitunter für das zerstörerische Projekt gewinnen lassen. Auch aus der Schweiz sind bisher über 70 Kämpfer in den Irak oder nach Syrien gereist. Manche von ihnen kamen um.
Heimkehrer erwartet nicht nur ein Strafverfahren, sie sollen laut Terrorismusexperten auch in der Prävention eingesetzt werden, haben sie doch traumatische Erlebnisse hinter sich. Vielleicht hilft solche Abschreckung. Doch die beste Prävention ist wohl ein Zugehörigkeitsgefühl und ein Urvertrauen, das junge Menschen gegen die Verführung durch Sekten jeder Art immun macht.
In diesem Zusammenhang ist die Episode der Lehrerin einer Baselbieter Schule hilfreich, der zwei muslimisch sozialisierte Schüler den Händedruck verweigerten. Die kantonale Bildungsdirektion hat umgehend ein Gutachten erstellen lassen, wonach es keine Dispensation „aus religiösen Gründen“ von dieser Gepflogenheit des schulischen Alltags geben darf. Tatsächlich sind Begrüssung und Verabschiedung zwischen Lehrperson und Schulkindern essentiell für die Vergewisserung der gegenseitigen Präsenz. Das Reichen der Hände markiert eine Verbindlichkeit, die das Mitmachen im kollektiven Unterricht und somit die Integration fördert. Und es ist allen, nicht nur den muslimischen Kindern bekömmlich.
Darauf zu bauen, dass ein inklusives Schulklima vor jeglicher Verführung behüte, reicht jedoch nicht. Die Pflicht, Alltagsregeln im öffentlichen Raum einzuhalten, mag das Abdriften in selbstge-fährdendes Verhalten bannen. Doch gefragt ist hier nicht nur die Aufnahmegesellschaft, auch die Muslime in unserm Land, Imame und weitere kulturelle Multiplikatoren, sind in der Pflicht. Skepsis gegenüber autoritärem Dogmatismus, der in ihren Herkunftsländern und unter ihren Mitbürgern herrschen mag, ist die Haltung vieler Migranten, die sich einen aufgeklärten Islam wünschen. Das Hinterfragen religiöser Vorschriften, die Diskussion über deren Legitimation und Sinn, muss insbesondere den Heranwachsenden angeboten werden. Und das Angebot muss aus der Gemeinschaft selbst kommen.
Navid Kermani, der 2015 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bedacht wurde, setzte ein wegweisendes Zeichen mit seinen Worten: „Wer als Muslim nicht mit ihm hadert, nicht an ihm zweifelt, nicht ihn kritisch befragt, der liebt den Islam nicht.“ Es liegt also nicht in erster Linie an der Mehrheitsgesellschaft, Islamkritik zu üben, auch wenn das akademisch durchaus statthaft ist. Es sind die Muslime, die zur Selbstkritik berufen sind. Wobei das nicht auf Muslime allein zutrifft. Das Diktum von Kermani gilt auch für Christen, Juden oder überzeugte Atheisten.
Die Gastländer allerdings können die Rahmenbedingungen schaffen, damit gerade da, wo Muslime nicht unter dem Druck aggressiver Vereinnahmung stehen, eine vertiefte Reflexion über den eigenen Glauben und vielleicht auch eine Erneuerung des Islam stattfinden kann. Die Begründung einer liberalen Moschee ist denn auch ein Anliegen vieler gebildeter Einwanderer in europäischen Ländern. Gerade ein universitär eingebundenes Islamzentrum wie jenes, das im Schweizerischen Freiburg geplant ist, sollte nicht im Geiste des Misstrauens in Frage gestellt werden.
GMS Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz