Menschen ohne Papiere leben mitten unter uns. Frauen ohne Möglichkeit der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben arbeiten bei uns, pflegen und hegen in Haushalten, Firmen, Bauernhöfen und Heimen. Sie tragen zur Wohlfahrt aller bei, und sie tragen meist das Risiko selber, das Risiko, die Arbeit zu verlieren, und damit die Wohnung, die Gesundheit, die Sicherheit, die Achtung vor anderen und vor sich selber. Menschen ohne Papiere, Sans-Papiers genannt, haben gelernt, mit dem Stigma der unsichtbaren Existenz sichtbar zu leben und zu arbeiten. Sie sind Lehrmeister und Lehrmeisterin darin, nicht aufzufallen, damit sie nicht fallen, sich anzupassen, damit es allen passt. Jeder redet über sie, alle wissen, was sie denken und wer sie sind. Und niemand kennt sie, niemand spricht mit ihnen, niemand, weil sie ja ohne Papiere auch ohne Gesicht sind. Mit ihrer Angst, das Gesicht zu verlieren, haben sie gelernt, Mann und Frau ohne Gesicht zu leben. Menschen als Mitglieder von Minderheiten kennen mehr als andere dieses Gefühl, dazugehören, ohne Gehör zu haben, gesehen zu werden, ohne zu Gesicht zu bekommen.
Die Gesellschaft für Minderheiten in der Schweiz setzt sich für die stummen Stimmen in unserer Gesellschaft ein, für die gesichtslosen Gesichter unserer Bevölkerung. Sie tut dies aus unterschiedlichen Standpunkten. Mit diesem Beitrag sollen weder die juristischen noch die politischen Perspektiven mit Blick auf Sans-Papiers beleuchtet werden. Auch sollen ihre volkswirtschaftlichen, ökonomischen Leistungserbringungen zwischen Prekarität und Selbstbestimmung jetzt nicht hervorgehoben werden (vgl. Alex Knoll, Sarah Schilliger, Bea Schwager, Wisch und weg! Sans-Papiers-Hausarbeiterinnen zwischen Prekarität und Selbstbestimmung, Seismo-Verlag, Zürich, 2012).
Vielmehr steht die Frage im Raum: Wie ist der Standpunkt der Kirchen mit Blick auf die Sans-Papiers zu beschreiben? Die folgenden Thesen sind aus der Erfahrung der ehemaligen Kirchgemeinde Grossmünster genährt, die seit dem 1. Januar 2019 Teil des Kirchenkreises 1, Altstadt, der evang.-ref. Kirchgemeinde Zürich ist. Schon seit Jahrzehnten hat die damalige Kirchenpflege eine sogenannte Notwohnung für Menschen in Not vom Finanzvermögen ausgespart. Diese kleine Ein-Zimmer-Wohnung befindet sich im obersten Stock der Helferei, dem Kultur- und Kirchgemeindehaus des Grossmünsters. Immer wieder finden in dieser Wohnung Menschen in schwierigen Lebenssituationen Ruhe, Erholung und Besinnung. Menschen aller Kulturen und Religionen, Einheimische und Fremde finden hier Raum. Normativ für die Entscheidung, die in den Händen das Pfarramtes und des Sozial-Dienstes liegt, ist die Not des zum Nächsten gewordenen Mitmenschen.
Mit Blick auf Sans-Papiers liegt aufgrund der Erfahrung der Notwohnung in der Helferei, dem Arbeits- und Lebensort von Ulrich Zwingli, dem Zürcher Reformator vor 500 Jahren, folgendes kirchliches Potential zur Verfügung.
Kirchen können Wohnräume zur Verfügung stellen, Wohnräume, deren soziales Kapital meist an bester Lage für Minderheiten genutzt werden kann. Im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise 2015 verwandelten sich viele Pfarrhäuser von Kirchgemeinden und Pfarreien zu Aufenthaltsorten für Familien und Einzelpersonen mit Migrationshintergrund. Wohnraum ist nicht nur in den Städten das «Gold» der Zukunft. Kirchen sind Hüterinnen für das kulturelle Erbe, dass das Boot nie voll sein kann, dass der Raum zum Wohnen für alle da ist, weil jedes Wohnen auf der Erde geschenkt ist und nicht für bestimmte Gruppen und Milieus privilegiert werden kann.
2. Kirchen tragen mit ihren Wohnräumen zur spontanen Integration bei. Mit Blick auf die Erfahrung am Grossmünster: Die Notwohnung liegt mitten zwischen anderen Wohnungen, inmitten von öffentlichen Räumen und der öffentlich zugänglichen Küche, wo Kreti und Pleti sich trifft und einander begegnen. Das Potential der Integration eröffnet in solchen spontanen Begegnungen ihr unglaubliches Kraftfeld innovativer und sozialer Aufladung: es gibt immer etwas zu helfen, es sind immer Menschen da, es entstehen immer Orte von Verständigung, Beheimatung und Sprachfindung.
3. Kirchen vermitteln zwischen Papier und Sans-Papiers, das heisst, zwischen reich und arm, solchen mit Geld und solchen, ohne Geld, zwischen denen mit Papieren und denen ohne Papiere. In diesem «go between», «Dazwischen-Stehen oder Dazwischen-Treten», in dieser Funktion des Brückenbauers und Brückenbauerin zwischen Parteien und Milieus gestaltet sich die diakonische Arbeit von Kirchen und eröffnet ein gesellschaftsrelevantes Potential des kirchlichen Auftrages. Hier haben die Kirchen ihre Stärke, in dieser diakonischen Vermittlungsarbeit von Hilfesuchenden und Helfenden.
4. Kirchen tragen schliesslich zur anwaltschaftlichen Arbeit im Zusammenhang mit Minderheiten wie den Sans-Papiers bei, indem sie die Stimme für die Stimmen der Stummen erheben, indem sie das Gesicht zeigen für die Gesichtslosen, indem sie solidarisch leben mit den Opfern in einer entsolidarisierenden Gesellschaft. Seit Jahrhunderten spricht man in Zürich vom Wächteramt der Kirchen gegenüber dem Staat und der Politik. Dieses Wächteramt ist in Zukunft wichtiger denn je, gerade wenn es in der Stadt Zürich auch um die Einführung einer City Card geht, wo Betroffene wie Sans-Papiers als Bewohnerinnen und Bewohner zusammen mit allen anderen mit einer sicht- und zeigbaren Identität (auf)leben können.
Denn genau darin bündelt sich der Standpunkt der Kirchen im Zusammenhang mit den Sans-Papiers: Jeder Mensch besitzt eine Identität dadurch, dass er ein Geschöpf Gottes ist. Deshalb ist alles daran zu setzen, Identität von Minderheiten zu schützen und zum Strahlen zu bringen.
Pfr. Christoph Sigrist
Präsident der GMS Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz

