{"id":2456,"date":"2019-07-19T13:19:16","date_gmt":"2019-07-19T11:19:16","guid":{"rendered":"https:\/\/old.gms-minderheiten.ch\/?p=2456"},"modified":"2019-07-19T13:24:16","modified_gmt":"2019-07-19T11:24:16","slug":"gms-point-de-vue-juin-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/old.gms-minderheiten.ch\/fr\/gms-point-de-vue-juin-2019\/","title":{"rendered":"GMS-point de vue, juin 2019 (en allemand)"},"content":{"rendered":"<h2><strong>Roma in der Schweiz: Die Situation nach der Nichtanerkennung als Nationale Minderheit durch den Bundesrat<\/strong><\/h2>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><strong>In unserem Land leben sch\u00e4tzungsweise zwischen 80 000 und 100 000 Roma, sie sind seit 600 Jahren Teil der Schweizer Realit\u00e4t. Entgegen allgemeiner Vorstellungen ist die Mehrheit der Roma in der Schweiz immer sesshaft gewesen. Sie sind gut integriert und besitzen auch einen Schweizer Pass. Sie pflegen ihre Kultur und sprechen ihre eigene Sprache, das Romanes. Roma gibt es nicht nur in der Schweiz, sie sind eine transnationale europ\u00e4ische Minderheit. W\u00e4hrend des 2. Weltkrieg hat sich die Schweiz an der Verfolgung der Roma beteiligt, indem sie f\u00fcr den Aufbau des Deutschen Zigeunerregisters Unterst\u00fctzung geleistet hat und sich durch eugenische Forschung unr\u00fchmlich hervorgetan hat. Durch Grenzschliessungen und R\u00fcckf\u00fchrungen hat sie Leben von Roma auf dem Gewissen. Deshalb ist eine Aufarbeitung der Geschichte dringend notwendig und f\u00fcr die \u00f6ffentliche Haltung gegen\u00fcber den Roma von grosser Bedeutung.<\/strong><\/p>\n<p>Roma-Organisationen haben 2015 einen Antrag zur Anerkennung der Roma als nationale Minderheit gestellt, welcher leider vom Bundesrat am 1. Juni 2018 abgelehnt wurde. Die Begr\u00fcndung war, dass die Schweizer Staatsb\u00fcrgerschaft und der Wille zur Bewahrung der kollektiven Identit\u00e4t der Roma zu wenig belegt seien. Er sprach den Roma eine seit langem bestehende Bindung an die Schweiz ab, welche als Voraussetzung f\u00fcr die Anerkennung gegolten h\u00e4tte. Aufgrund von Archiveintr\u00e4gen sind Roma bereits um 1418 das erste Mal in der Schweiz aufgetaucht. Diese hatte kurz darauf ein Zigeunerverbot erlassen, das bis 1972 immer wieder erneuert worden ist. Nun wird behauptet, dass die \u00ab\u00a0Zigeuner\u00a0\u00bb in der Schweiz keine Roma gewesen seien, sondern ausschliesslich Sinti und Jenische.<\/p>\n<p>F\u00fcr die betroffenen Organisationen ist dieser Entscheid diskriminierend, zumal der Bundesrat im Herbst 2016 die Jenischen und Sinti explizit als nationale Minderheiten anerkannt hatte. Sie verlangten daraufhin eine Aussprache mit den betreffenden Amtsstellen, diese fand im Januar dieses Jahres statt. Von Seiten der Roma waren die Rroma Foundation, der Romano Dialog, der Verband Sinti und Roma Schweiz und das Roma Jam Session art Kollektiv vertreten, begleitet und unterst\u00fctzt wurden sie durch die Gesellschaft f\u00fcr bedrohte V\u00f6lker Schweiz. Auf Seite der Beh\u00f6rden waren das Generalsekretariat des Eidgen\u00f6ssischen Departements des Innern, die Eidgen\u00f6ssische Kommission gegen Rassismus und das Bundesamt f\u00fcr Kultur dabei. Das Misstrauen nach der Ablehnung des Antrags auf Anerkennung sollte dabei sichtbar gemacht und der abgerissene Gespr\u00e4chsfaden wieder aufgenommen werden. Denn es hatte von 2014-2018 einen Aktionsplan mit Massnahmen gegen den Antiziganismus und den strukturellen Rassismus gegeben. W\u00e4hrend 4 Jahren hatten dazu Sitzungen im BAK stattgefunden und Roma, Sinti und Jenische sassen damals gemeinsam an einem Tisch, um \u00fcber Medien, Racial Profiling, Bildung und Kultur, Infrastrukturen, Anti-Rassismuskampagnen zu sprechen. Die Roma hegten grosse Hoffnungen auf eine Verbesserung ihrer Situation.<\/p>\n<p>Der Bundesratsentscheid vom Oktober 2018 war nach dieser Vorbereitungszeit ein Affront f\u00fcr sie. Sie verstanden nicht, warum die Sinti neben den Jenischen als Nationale Minderheit anerkannt wurden, die Roma hingegen nicht. Sie haben den Eindruck, dass der Bund in der Sache der Roma wenig Interesse zeigt, sich fachkundig zu machen.<\/p>\n<p>So ist zum Beispiel wenig bekannt, dass die Roma schon seit 1971 politisch organisiert sind. Damals fand der erste Roma-Kongress in London statt, wo man sich darauf geeinigt hatte, dass sich die verschiedenen Gruppen Sinti, Lovara, Kalderasch, Arlii, Gurbetti usw. unter dem Oberbegriff Roma politisch organisieren sollten. Dies war damals eine Entscheidung aller und diese Entscheidung ist heute noch im Europarat und in der UNO akzeptiert und verankert. Innerhalb der einzelnen Gruppen blieb die Eigenbezeichnung selbstverst\u00e4ndlich erhalten. Es war eine Entscheidung zur Erleichterung der Vertretung der politischen Interessen aller Minderheiten.<\/p>\n<p>Seit den 1990er Jahren hat die politische Stimmung jedoch deutlich umgeschlagen und die Roma werden seither immer mehr als Fremde gesehen, zugewandert aus dem Balkan und Rum\u00e4nien, ohne historischen Bezug zur Schweiz. Die Jenischen waren nun die Einheimischen und die Sinti diejenigen, die aus dem nahen Ausland zugewandert sind. Es ist wichtig zu verstehen, dass alle Gruppierungen transnationale Minderheiten sind und dass Familienbande nicht an der Grenze aufh\u00f6ren. Sinti und Roma sind nicht auseinander definierbar, da sie auch die Sprache teilen und viele gemeinsame Familien bilden. Die Schweiz hat durch die Nichtanerkennung der einen der drei Minderheiten aber genau diese Spaltung bewirkt und Roma und Sinti auseinanderdividiert. Die Schweizer Roma fordern, dass der Bund wissenschaftliche Grundlagen zur Kl\u00e4rung der Lage erarbeitet, damit Entscheidungsgrundlagen f\u00fcr zuk\u00fcnftige Debatten zur Anerkennung transparent, faktenbasiert und konstruktiv stattfinden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>An der Sitzung im Januar konzentrierte sich das EDI darauf, die fehlende Visibilit\u00e4t der Roma zu benennen. Die Nichtanerkennung sei nicht so schlimm, da F\u00f6rdermittel auch f\u00fcr die Anliegen der Roma vom Bund zur Verf\u00fcgung stehen w\u00fcrden. Den Roma geht es aber nicht um Geld, sondern um die ethische und politische Dimension der Anerkennung. Das EDI schloss eine Wiedererw\u00e4gung aus, da die Roma Kultur in eigenen kulturellen Vereinen nicht sichtbar sei. Das war ja als Hauptgrund f\u00fcr die Nichtanerkennung ins Feld gef\u00fchrt worden. Die Repr\u00e4sentation der Roma in Vereinen ist eine eher eingrenzende Forderung, da man sich bei den Roma in Familienverb\u00e4nden trifft und sich, aus Furcht vor der Stigmatisierung, nur wenige als Roma \u00f6ffentlich bezeichnen. Um das zu \u00e4ndern, w\u00e4re die Anerkennung sehr hilfreich gewesen.<\/p>\n<p>Auch wenn das Gespr\u00e4ch nicht wirkliche Fortschritte gebracht hat, hoffen die Roma weiterhin, dass f\u00fcr die Gleichberechtigung von Roma, Sinti und Jenischen in der Schweiz in Zukunft zus\u00e4tzliche Anstrengungen von Bundesseite gemacht werden. Das betrifft die Anerkennung, die Infrastruktur f\u00fcr Fahrende, die Polizeiarbeit, das Engagement gegen Antiziganismus sowie den politischen Einbezug der drei Minderheiten und die Aufarbeitung der Geschichte der Roma in der Schweiz.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/old.gms-minderheiten.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/GMS_Standpunkt_Juni_2019_Roma-in-der-Schweiz.pdf\">2019.06: Roma in der Schweiz<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roma in der Schweiz: Die Situation nach der Nichtanerkennung als Nationale Minderheit durch den Bundesrat \u00a0In unserem Land leben sch\u00e4tzungsweise zwischen 80 000 und 100 000 Roma, sie sind seit 600 Jahren Teil der Schweizer Realit\u00e4t. 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