{"id":2401,"date":"2019-04-26T10:39:46","date_gmt":"2019-04-26T08:39:46","guid":{"rendered":"https:\/\/old.gms-minderheiten.ch\/?p=2401"},"modified":"2019-04-26T10:40:29","modified_gmt":"2019-04-26T08:40:29","slug":"gms-standpunkt-april-2019-sans-papiers-und-kirche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/old.gms-minderheiten.ch\/fr\/gms-standpunkt-april-2019-sans-papiers-und-kirche\/","title":{"rendered":"GMS-Standpunkt April 2019: Sans-Papiers und Kirche"},"content":{"rendered":"<p><strong>Sans-Papiers und Kirche<\/strong><\/p>\n<p><strong>Menschen ohne Papiere leben mitten unter uns. Frauen ohne M\u00f6glichkeit der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben arbeiten bei uns, pflegen und hegen in Haushalten, Firmen, Bauernh\u00f6fen und Heimen. Sie tragen zur Wohlfahrt aller bei, und sie tragen meist das Risiko selber, das Risiko, die Arbeit zu verlieren, und damit die Wohnung, die Gesundheit, die Sicherheit, die Achtung vor anderen und vor sich selber. Menschen ohne Papiere, Sans-Papiers genannt, haben gelernt, mit dem Stigma der unsichtbaren Existenz sichtbar zu leben und zu arbeiten. Sie sind Lehrmeister und Lehrmeisterin darin, nicht aufzufallen, damit sie nicht fallen, sich anzupassen, damit es allen passt. Jeder redet \u00fcber sie, alle wissen, was sie denken und wer sie sind. Und niemand kennt sie, niemand spricht mit ihnen, niemand, weil sie ja ohne Papiere auch ohne Gesicht sind. Mit ihrer Angst, das Gesicht zu verlieren, haben sie gelernt, Mann und Frau ohne Gesicht zu leben. Menschen als Mitglieder von Minderheiten kennen mehr als andere dieses Gef\u00fchl, dazugeh\u00f6ren, ohne Geh\u00f6r zu haben, gesehen zu werden, ohne zu Gesicht zu bekommen.<\/strong><\/p>\n<p>Die Gesellschaft f\u00fcr Minderheiten in der Schweiz setzt sich f\u00fcr die stummen Stimmen in unserer Gesellschaft ein, f\u00fcr die gesichtslosen Gesichter unserer Bev\u00f6lkerung. Sie tut dies aus unterschiedlichen Standpunkten. Mit diesem Beitrag sollen weder die juristischen noch die politischen Perspektiven mit Blick auf Sans-Papiers beleuchtet werden. Auch sollen ihre volkswirtschaftlichen, \u00f6konomischen Leistungserbringungen zwischen Prekarit\u00e4t und Selbstbestimmung jetzt nicht hervorgehoben werden (vgl. Alex Knoll, Sarah Schilliger, Bea Schwager, Wisch und weg! Sans-Papiers-Hausarbeiterinnen zwischen Prekarit\u00e4t und Selbstbestimmung, Seismo-Verlag, Z\u00fcrich, 2012).<\/p>\n<p>Vielmehr steht die Frage im Raum: Wie ist der Standpunkt der Kirchen mit Blick auf die Sans-Papiers zu beschreiben? Die folgenden Thesen sind aus der Erfahrung der ehemaligen Kirchgemeinde Grossm\u00fcnster gen\u00e4hrt, die seit dem 1. Januar 2019 Teil des Kirchenkreises 1, Altstadt, der evang.-ref. Kirchgemeinde Z\u00fcrich ist. Schon seit Jahrzehnten hat die damalige Kirchenpflege eine sogenannte Notwohnung f\u00fcr Menschen in Not vom Finanzverm\u00f6gen ausgespart. Diese kleine Ein-Zimmer-Wohnung befindet sich im obersten Stock der Helferei, dem Kultur- und Kirchgemeindehaus des Grossm\u00fcnsters. Immer wieder finden in dieser Wohnung Menschen in schwierigen Lebenssituationen Ruhe, Erholung und Besinnung. Menschen aller Kulturen und Religionen, Einheimische und Fremde finden hier Raum. Normativ f\u00fcr die Entscheidung, die in den H\u00e4nden das Pfarramtes und des Sozial-Dienstes liegt, ist die Not des zum N\u00e4chsten gewordenen Mitmenschen.<\/p>\n<p>Mit Blick auf Sans-Papiers liegt aufgrund der Erfahrung der Notwohnung in der Helferei, dem Arbeits- und Lebensort von Ulrich Zwingli, dem Z\u00fcrcher Reformator vor 500 Jahren, folgendes kirchliches Potential zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<ol>\n<li>Kirchen k\u00f6nnen Wohnr\u00e4ume zur Verf\u00fcgung stellen, Wohnr\u00e4ume, deren soziales Kapital meist an bester Lage f\u00fcr Minderheiten genutzt werden kann. Im Zusammenhang mit der Fl\u00fcchtlingskrise 2015 verwandelten sich viele Pfarrh\u00e4user von Kirchgemeinden und Pfarreien zu Aufenthaltsorten f\u00fcr Familien und Einzelpersonen mit Migrationshintergrund. Wohnraum ist nicht nur in den St\u00e4dten das \u201eGold\u201c der Zukunft. Kirchen sind H\u00fcterinnen f\u00fcr das kulturelle Erbe, dass das Boot nie voll sein kann, dass der Raum zum Wohnen f\u00fcr alle da ist, weil jedes Wohnen auf der Erde geschenkt ist und nicht f\u00fcr bestimmte Gruppen und Milieus privilegiert werden kann.<\/li>\n<li>Kirchen tragen mit ihren Wohnr\u00e4umen zur spontanen Integration bei. Mit Blick auf die Erfahrung am Grossm\u00fcnster: Die Notwohnung liegt mitten zwischen anderen Wohnungen, inmitten von \u00f6ffentlichen R\u00e4umen und der \u00f6ffentlich zug\u00e4nglichen K\u00fcche, wo Kreti und Pleti sich trifft und einander begegnen. Das Potential der Integration er\u00f6ffnet in solchen spontanen Begegnungen ihr unglaubliches Kraftfeld innovativer und sozialer Aufladung: es gibt immer etwas zu helfen, es sind immer Menschen da, es entstehen immer Orte von Verst\u00e4ndigung, Beheimatung und Sprachfindung.<\/li>\n<li>Kirchen vermitteln zwischen Papier und Sans-Papiers, das heisst, zwischen reich und arm, solchen mit Geld und solchen, ohne Geld, zwischen denen mit Papieren und denen ohne Papiere. In diesem \u201ego between\u201c, \u201eDazwischen-Stehen oder Dazwischen-Treten\u201c, in dieser Funktion des Br\u00fcckenbauers und Br\u00fcckenbauerin zwischen Parteien und Milieus gestaltet sich die diakonische Arbeit von Kirchen und er\u00f6ffnet ein gesellschaftsrelevantes Potential des kirchlichen Auftrages. Hier haben die Kirchen ihre St\u00e4rke, in dieser diakonischen Vermittlungsarbeit von Hilfesuchenden und Helfenden.<\/li>\n<li>Kirchen tragen schliesslich zur anwaltschaftlichen Arbeit im Zusammenhang mit Minderheiten wie den Sans-Papiers bei, indem sie die Stimme f\u00fcr die Stimmen der Stummen erheben, indem sie das Gesicht zeigen f\u00fcr die Gesichtslosen, indem sie solidarisch leben mit den Opfern in einer entsolidarisierenden Gesellschaft. Seit Jahrhunderten spricht man in Z\u00fcrich vom W\u00e4chteramt der Kirchen gegen\u00fcber dem Staat und der Politik. Dieses W\u00e4chteramt ist in Zukunft wichtiger denn je, gerade wenn es in der Stadt Z\u00fcrich auch um die Einf\u00fchrung einer City Card geht, wo Betroffene wie Sans-Papiers als Bewohnerinnen und Bewohner zusammen mit allen anderen mit einer sicht- und zeigbaren Identit\u00e4t (auf)leben k\u00f6nnen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Denn genau darin b\u00fcndelt sich der Standpunkt der Kirchen im Zusammenhang mit den Sans-Papiers: Jeder Mensch besitzt eine Identit\u00e4t dadurch, dass er ein Gesch\u00f6pf Gottes ist. Deshalb ist alles daran zu setzen, Identit\u00e4t von Minderheiten zu sch\u00fctzen und zum Strahlen zu bringen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pfr. Christoph Sigrist<br \/>\nPr\u00e4sident der GMS Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sans-Papiers und Kirche Menschen ohne Papiere leben mitten unter uns. Frauen ohne M\u00f6glichkeit der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben arbeiten bei uns, pflegen und hegen in Haushalten, Firmen, Bauernh\u00f6fen und Heimen. Sie tragen zur Wohlfahrt aller bei, und sie tragen meist [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":2402,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_exactmetrics_skip_tracking":false},"categories":[],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/old.gms-minderheiten.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2401\/"}],"collection":[{"href":"https:\/\/old.gms-minderheiten.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/"}],"about":[{"href":"https:\/\/old.gms-minderheiten.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post\/"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/old.gms-minderheiten.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3\/"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/old.gms-minderheiten.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/comments\/?post=2401"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/old.gms-minderheiten.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2401\/revisions\/"}],"predecessor-version":[{"id":2405,"href":"https:\/\/old.gms-minderheiten.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2401\/revisions\/2405\/"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/old.gms-minderheiten.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2402\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/old.gms-minderheiten.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/?parent=2401"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/old.gms-minderheiten.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/categories\/?post=2401"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/old.gms-minderheiten.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/tags\/?post=2401"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}